Konsum


Konsum
Verbrauch

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Kon|sum [kɔn'zu:m], der; -s:
Verbrauch (von Nahrungs-, Genussmitteln):
du solltest deinen Konsum an Schokolade einschränken; der Konsum von Zigaretten ist europaweit gestiegen.
Zus.: Akoholkonsum, Bierkonsum, Drogenkonsum, Fleischkonsum, Kaffeekonsum, Zigarettenkonsum.

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Kon|sum 〈m.; -s; unz.〉
1. Verbrauch (von täglichen Bedarfsartikeln, bes. Lebensmitteln)
2. 〈Betonung meist [′- -]; DDR
2.2 Verkaufsstelle der Konsumgenossenschaft
[<ital. consumo „Verbrauch“; zu lat. consumere „verbrauchen, verzehren“] Siehe auch Info-Eintrag: Konsum - info!

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1Kon|sum , der; -s [ital. consumo = Verbrauch, zu: consumere < lat. consumere, konsumieren]:
1. (bildungsspr.) Verbrauch (bes. von Nahrungs-, Genussmitteln); Verzehr, Genuss:
der übermäßige K. von Alkohol;
unser K. an Bier war beachtlich;
Ü Literatur für den täglichen K.
2. (Wirtsch.) Konsumtion (1).
2Kon|sum ['kɔnzu:m , …zʊm, auch, österr. nur: kɔn'zu:m ], der; -s, -s [urspr. kurz für Konsumverein, Konsumgenossenschaft] (veraltet):
1. <o. Pl.> Konsumverein.
2. Laden einer Konsumgenossenschaft, eines Konsumvereins:
im K. einkaufen.

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Konsum
 
[italienisch consumo »Verbrauch«, von lateinisch consumere »verbrauchen«, »verzehren«] der, -s, Verbrauch von Waren und Dienstleistungen zur Bedürfnisbefriedigung der Menschen. Konsum in diesem weiten Sinne gilt als letzter Zweck allen Wirtschaftens. Im engeren Sinn versteht man unter Konsum nur die Einkommensverwendung von Konsumenten im Markt, d. h. die Marktentnahme von Konsumgütern. Die Wirtschaftswissenschaft und die Soziologie setzen bei der Konsumforschung unterschiedliche Akzente.
 
 Konsum in der Wirtschaftstheorie
 
Die Volkswirtschaftslehre stellt den Aspekt der Einkommensverwendung in den Vordergrund (Marktnachfrage). Privater Konsum (privater Verbrauch) ist dabei jener Teil des Inlandsproduktes, der von privaten Haushalten erworben wird, um ihn für die eigene Bedürfnisbefriedigung zu verwenden, d. h. nicht weiterzuveräußern. Die Eigenproduktion der Haushalte als Teil derSchattenwirtschaft bleibt unberücksichtigt. Gegenstand der privaten Nachfrage sind Konsumgüter. Die Charakterisierung als Konsumgut ergibt sich aus dem Zweck der Nachfrage beziehungsweise der Art seiner Verwendung (z. B. Auto zum privaten Gebrauch), wobei je nach Anzahl der möglichen Nutzungen Verbrauchs- und Gebrauchsgüter unterschieden werden. Auch bei öffentlichen Haushalten spricht man von Konsum (Staatskonsum). Gemeint sind die Ausgaben für Verwaltungsleistungen (öffentliche Dienstleistungen und Einrichtungen der Infrastruktur), die der Staat im Interesse der privaten Haushalte und Unternehmen produziert und ihnen (im Wesentlichen) ohne spezielles Entgelt zur Verfügung stellt (z. B. Leistungen des Gesundheits- und Bildungswesens, der Justiz und der Verteidigung). Eigentlich müssten diese Leistungen als unbezahlter Konsum der privaten Haushalte oder unentgeltlichen Vorleistungen an die Unternehmen erfasst werden. Da diese Aufteilung praktisch nicht lösbar ist, werden sie als »Eigenverbrauch« des Staates angesehen.
 
Mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts (BIP; 2001: 59,0 %; die Anteile schwankten 1960-2001 zwischen knapp 54 % und 59 %) wird in Deutschland für den privaten Konsum aufgewendet. Dabei ist der prozentuale Anteil des Konsums am BIP in den neuen Ländern höher als im früheren Bundesgebiet. Ursachen dafür sind die erheblichen Transfers beziehungsweise die schmale wirtschaftliche Basis in den neuen Ländern. Von 1960 bis 2001 hat sich der private Konsum in Deutschland von 172 Mrd. DM auf 2 382,4 Mrd. DM (1218,1 Mrd. ) erhöht und damit mehr als verzehnfacht. Ein Teil ist jedoch auf Preissteigerungen zurückzuführen, sodass sich real (in Preisen von 1995) eine Erhöhung um das vierfache ergab. Bei der Interpretation dieser Angaben ist zu berücksichtigen, dass sich in ihnen auch der Effekt der deutschen Vereinigung auswirkt. Beschränkt man sich auf das frühere Bundesgebiet, so haben sich die realen Konsumausgaben im Zeitraum von 1960 bis 2001 ungefähr um das 3,5fache erhöht.
 
Die Erklärung des privaten Konsums ist Gegenstand der Konsumtheorie. Die mikroökonomische Konsumtheorie (Haushaltstheorie) untersucht die Bedingungen für den optimalen Verbrauchsplan des Haushalts. Sie geht von einigen Grundannahmen aus: Die Haushalte verfügen über bestimmte Bedürfnisse (Präferenzstruktur), d. h., sie haben bestimmte Wünsche und Wertungen in Bezug auf Konsumgüter. Die Präferenzstruktur entwickelt sich aus physiologischen, individual- und sozialpsychologischen Einflüssen. Von der Haushaltstheorie werden diese Einflüsse als nicht ökonomisch bestimmt angesehen und die Präferenzen als gegeben unterstellt. Es wird modellhaft angenommen, dass sich die Haushalte rational im Sinne des ökonomischen Prinzips verhalten (Homo oeconomicus). Nimmt man den Nutzen als Maß der Bedürfnisbefriedigung, lässt sich rationales Verhalten eines Haushalts definieren als das Bestreben, bei gegebener Präferenzstruktur und gegebenen Güterpreisen sein Einkommen so zu verwenden, dass sein Nutzen maximiert wird (Grenznutzenschule).
 
Für eine realitätsnähere Erklärung des individuellen Konsumentenverhaltens ist es allerdings notwendig, die sozialen und psychologischen Einflüsse auf die Bedürfnisstruktur und auch andere als ausschließlich rationale Verhaltensweisen zu berücksichtigen. Diesem Ziel dient die Beachtung von Nachfrageinterdependenzen: Soziale Beziehungen beeinflussen die Nachfrage der Verbraucher. Mit dem sichtbaren Konsum aufwendiger Güter wollen Verbraucher ihren Mitmenschen ihren Reichtum oder sozialen Rang darstellen (Veblen-Effekt), durch ausgefallene Güter sich von der Masse abheben (Snob-Effekt), sich durch den Kauf modischer Güter dem verbreiteten Geschmack nähern (Mitläufereffekt) oder sich den Verhaltensweisen und Einstellungen von sozialen Bezugsgruppen anschließen, indem sie von diesen bevorzugte Produkte erwerben. In der Realität müssen Entscheidungen unter den Bedingungen unvollständiger Information getroffen werden, weil deren Beschaffung an finanzielle und zeitliche Grenzen stößt. Fasst man die Nachfragefunktionen der Einzelhaushalte zusammen, so erhält man die Marktnachfrage nach einem Gut. Zusammen mit der Angebotsfunktion bildet sie die Grundlage für die Preisbildung auf dem betreffenden Markt. Dabei wird die Differenz zwischen dem Höchstpreis, den ein Konsument für ein Gut zu zahlen bereit ist, und dem tatsächlich zu zahlenden Marktpreis, multipliziert mit der im Marktgleichgewicht abgesetzten beziehungsweise gekauften Gütermenge, als Konsumentenrente bezeichnet.
 
Makroökonomisch bestimmt die Höhe des privaten und staatlichen Konsums zusammen mit der Investition und der Auslandsnachfrage (Export) die wirksame (effektive) Nachfrage in einer Volkswirtschaft. Sie ist einer der entscheidenden Bestimmungsgründe für die Höhe, die Zusammensetzung und für Schwankungen des Inlandsprodukts. Die makroökonomische Konsumtheorie fragt nach den Determinanten der Konsumausgaben in einer Volkswirtschaft. Dabei besteht ein positiver Zusammenhang zwischen dem privaten Konsum und dem verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte. Der Anstieg des Konsums fällt allerdings kleiner aus als der Einkommenszuwachs (die marginale Konsumquote ist positiv, aber kleiner als eins). J. M. Keynes nannte diesen Sachverhalt ein »fundamentales psychologisches Gesetz«. Ferner ging Keynes davon aus, dass die durchschnittliche Konsumquote mit steigendem Einkommen abnimmt. Dieser Verlauf der Konsumfunktion beschreibt nach heutiger Sicht die kurzfristige Entwicklung. Über einen größeren Zeitraum erweist sich die durchschnittliche Konsumquote als relativ konstant: Langfristig orientieren sich die Verbraucher bei ihren Konsumentscheidungen nicht nur am jeweils aktuell verfügbaren Einkommen (Einkommenshypothesen).
 
 Konsum in der Marktwirtschaft
 
Die Käufe der Verbraucher bestimmen in der Marktwirtschaft über die Zusammensetzung der Produktion: Was nicht gekauft wird, wird auf Dauer nicht produziert. Allerdings werden die Kaufentscheidungen durch das Marketing, besonders durch die Werbung, beeinflusst. Umstritten ist, wieweit Werbung tatsächlich Bedürfnisse zu steuern vermag. Schlagworte, die das Spannungsfeld kennzeichnen, sind »Manipulation durch Werbung« und »König Kunde«. Beeinflusst werden Konsumentscheidungen auch durch die Vielzahl der Produkte, Qualitäten und Angebotsbedingungen. Schließlich lenkt der Staat z. B. durch Lebensmittelgesetze und durch Bereitstellung von öffentlichen Gütern die Nachfrage der Haushalte. Dem Leitbild der Marktwirtschaft entspricht, dass die Produktion auf die Bedürfnisse ausgerichtet ist. Wettbewerbs- und Verbraucherpolitik sollen sicherstellen, dass sich die Realität nicht zu weit vom Leitbild der Konsumentensouveränität entfernt. (Konsumfreiheit)
 
 Konsum in der Betriebswirtschaftslehre
 
In der Betriebswirtschaftslehre interessiert man sich besonders für die Bestimmungsgründe der Nachfrage nach Konsumgütern und versucht, das Verhalten von Menschen als Käufer und Verwender von Konsumgütern zu beschreiben, zu erklären und zu prognostizieren. Konsum wird zum Konsumentenverhalten, die ökonomische Konsumtheorie wird zur betriebswirtschaftlichen Konsumentenforschung.
 
Im Gegensatz zur idealtypischen Betrachtungsweise der Mikroökonomie interessiert sich die betriebswirtschaftliche Konsumentenforschung für die empirisch messbaren Seiten des Konsums und für verhaltenstheoretische anstelle nur wirtschaftstheoretischer Gesetzmäßigkeiten, deren Ergebnisse für die betriebliche Praxis anwendbar sind. So konnte die Betriebswirtschaftslehre die offenkundigen Unstimmigkeiten zwischen der modellhaften Konsumtheorie und dem tatsächlichen Konsumentenverhalten nicht länger übersehen. Die Marketinglehre übernahm deshalb in den 60er-Jahren Ansätze der sozialökonomischen Verhaltensforschung (G. Schmölders, G. Katona) sowie der Absatz- und Verbrauchsforschung (W. Vershofen) und baute diese unter Heranziehung soziologischer, sozialpsychologischer, psychologischer Ansätze zu einer eigenständigen, interdisziplinären Konsumentenforschung aus (Franco Werner Kroeber-Riel [* 1934]).
 
In der Konsumentenforschung stehen individuelle Konsumentenreaktionen auf den Einsatz der Marketinginstrumente durch die Unternehmen im Mittelpunkt (Reaktionen auf angebotene Produkte beziehungsweise Leistungen, Sortimente, Preise, Distributions- und Verkaufsmaßnahmen, Werbung usw.). Durch Zusammenfassen ähnlicher individueller Verhaltensweisen gelangt man zu einer übersichtlichen Anzahl von Marktsegmenten, innerhalb derer Konsumenten auf das Marketing der Unternehmen gleichartig reagieren. »Konsumentenverhalten« ist dabei immer zu verstehen als ein Oberbegriff sowohl für äußeres, empirischer Beobachtung prinzipiell unmittelbar zugängliches Verhalten im Sinne von Konsumhandlungen (»overt behavior«) als auch für innere, der empirischen Forschung nicht unmittelbar zugänglichen Verhaltensprozesse (»covert behavior«). Mit Letzteren sind (sozial)psychologische Konstrukte wie Emotionen, Bedürfnisse und Motive, Einstellungen und Präferenzen, Kenntnisse und Erfahrungen, Wahrnehmungen und Beurteilungen gemeint, die das faktische Konsumhandeln bestimmen. Reaktionen der Konsumenten auf das Marketing von Unternehmen spielen sich zuerst in diesen Verhaltensdimensionen ab, bevor sie sich in Kaufhandlungen niederschlagen.
 
Neben der Produkt- beziehungsweise Markenwahl sind in der Konsumentenforschung v. a. auch Preisreaktionen (das Preisverhalten), die Einkaufsstättenwahl und die Werbewirkung häufiger Untersuchungsgegenstand. In verschiedenen Theorien des Konsumentenverhaltens sieht man Konsumhandlungen in Abhängigkeit von unterschiedlichen Determinanten: Situative Erklärungsansätze rücken z. B. ökonomischen Variablen wie Einkommen, Art des Produktangebotes, Angebotspräsentation (Einkaufsatmosphäre) oder Zeitdruck in den Vordergrund; soziologische Erklärungsansätze behandeln den Einfluss von Gruppen (Familie und Bezugsgruppen), von kulturellen Faktoren (z. B. Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Schichten) sowie von persönlicher Kommunikation (z. B. Verkaufsgespräch, Meinungsführerschaft) und Massenkommunikation (z. B. Medienwerbung) auf Kaufentscheidungen. Schließlich gehen die in der Konsumentenforschung dominierenden sozialpsychologische und psychologische Erklärungsansätze davon aus, dass Konsumhandlungen letztlich von aktivierenden und kognitiven psychischen Prozessen bestimmt sind.
 
In jüngerer Zeit löst sich die Konsumentenforschung zunehmend von ihrem betriebswirtschaftlichen Hintergrund und entwickelt sich zu einem eigenständigen Wissenschaftsgebiet. Sie bleibt dabei nicht mehr beschränkt auf das Verhalten der Menschen beim Kauf und bei der Verwendung wirtschaftlicher Güter, sondern bezieht sich ganz allgemein auch auf das Verhalten des Menschen z. B. als Besucher kultureller Veranstaltungen, als Verkehrsteilnehmer, Patient, Wähler.
 
 Die Konsumgesellschaft
 
Analog zur Wirtschaftswissenschaft sind auch in der Konsumsoziologie, einem Zweig der Wirtschaftssoziologie, zwei Betrachtungsweisen des Konsums möglich. Die mikrosoziologische Perspektive hat Formen des vornehmlich privaten Verbrauchs sowie die Nutzung von Gütern und Dienstleistungen durch private Haushalte im Kontext sozialer Strukturen, Prozesse und Bestimmungsgründe im Blick. Dabei werden Motivations-, Bedarfsbildungs-, Informations- und Entscheidungsprozesse analysiert, ferner mittelbar und unmittelbar mit dem Erwerbsvorgang (Kaufakt) selbst zusammenhängende Verhaltensweisen sowie sich anschließende Nutzungsmuster, Einstellungen und Werthaltungen. Das originär soziologische Interesse kommt dabei in der Suche nach Regelhaftigkeiten, nach kausal begründbaren Gewohnheitsbildungen und nach der Durchsetzung von Wandel und zyklischen Änderungen (Mode) zum Ausdruck. Besondere Bedeutung hat die Verbindlichkeit von Orientierungsvorgaben wie gruppen- und schichtenspezifische und gesamtgesellschaftliche Konsumstandards oder Konsumnormen.
 
Die auf die Konsumstandards und Konsumnormen bezogenen Fragestellungen sind Ausgangspunkt der makrosoziologischen Perspektive. Sie beschreibt die Erscheinungsformen des Konsums als kulturelles Derivat der Wirtschaftsformen moderner Gesellschaften und beurteilt den Konsum in seiner ambivalenten gesellschaftlichen Bedeutung: einerseits als Maßstab des individuellen und gesellschaftlichen Wohlstands (Kaufkraft) und - verbunden mit der Zugänglichkeit einer breiten Angebotspalette - Ausdruck von Lebensqualität, andererseits (in seiner einseitigen Mentalitätsprägung) als hedonistische Fehlleitung, einen Wettbewerb um Besitztümer (exzessiv in der »Konsumsucht« und im »Konsumrausch«), der mit der Verengung menschlicher und zwischenmenschlicher Entfaltungsmöglichkeiten verbunden ist.
 
Die Prägung moderner Gesellschaften als Konsumgesellschaften ist ein Ergebnis der industriellen Massenproduktion. In deren Gefolge wurde aus der ökonomischen Funktion der Bedarfsdeckung vielfach eine solche der Bedarfsweckung. Die Feststellung von K. Marx, dass die Produktion die Konsumption (d. h. den Verbrauch) produziere, indem sie die erst von ihr als Gegenstand geschaffenen Produkte als Bedürfnis im Konsumenten wieder erzeugt, ist nicht nur unwidersprochen geblieben, sondern von so unterschiedlichen Seiten wie dem Unternehmer H. Ford, dem Wirtschaftswissenschaftler J. K. Galbraith oder den Soziologen H. Freyer und A. Gehlen bejaht worden.
 
In vorindustriellen Gesellschaften bestimmte der soziale Status bis hin zu formalen Reglementierungen den angemessenen Konsum. Gesetze der Knappheit diktierten die Verteilung des Sozialprodukts. So finden sich Kleiderordnungen aus dem 15. und 16. Jahrhundert, die in einer städtischen Ständegesellschaft das zulässige Tragen von Kleidung und Schmuck nach Höhe der entrichteten Steuern festlegten. Ähnliches galt für die Ausgestaltung von Festlichkeiten, etwa die Art erlaubter Speisen und die Zahl der Gäste nach einer »Hochzeitsordnung«. Auch in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts waren »Luxus« und »demonstrativer Konsum« sehr schmalen Schichten von Adligen, Großbürgertum und »Neureichen« vorbehalten, während die niedrigen Einkommen der meisten Menschen den pfleglichen Umgang mit Gebrauchsgütern und eine wenig abwechslungsreiche Kost erzwangen. Erst die serienweise Fertigung und Distribution billiger Ware und innovativer technischer Produkte eröffnete zusammen mit neuen Arbeitsplätzen und gehobenen Masseneinkommen um die Jahrhundertwende jene Märkte für die ganze Bevölkerung, die Konsumobjekte zum allgemeinen Träger von Grund- und Geltungsnutzen, zum Statusgeber auf vielen Ebenen machten.
 
In diesem Zusammenhang steht auch das Aufkommen neuer Vertriebsformen. Schon mit dem Bevölkerungszustrom in die Städte in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts expandierte der Einzelhandel vorwiegend in Form des Gemischtwarenladens in Familienbesitz. Ihre adäquate Verkaufsform aber fand die Massenproduktion im Warenhaus. Diese »Märkte unter einem Dach«, die bei kleiner Handelsspanne hohe Umsätze anstrebten, entstanden zuerst in Paris und London mit breitem Angebot beratungsarmer, mit Festpreisen ausgezeichneter Ware und haben den Einzelhandel nahezu ein halbes Jahrhundert geprägt. Seit Ende der 1950er-Jahren haben sich mit der Selbstbedienung, Supermärkten und Einkaufszentren, dem Versand- und Automatenhandel und in jüngster Zeit zunehmend auch dem Teleshopping neue Formen des Einzelhandels etabliert, die seither zu seiner fortschreitenden Konzentration und zu markanten Veränderungen der Einkaufsgewohnheiten geführt haben.
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Konsumverhalten der Menschen in Westdeutschland und den westlichen Industriegesellschaften Europas durch Bedürfnisse des »Nachholens« (»Fress«-, Wohnungseinrichtungs-, Motorisierungs- und Urlaubsreisewellen) bestimmt; in den folgenden Jahrzehnten realisierte es sich besonders in der Ausstattung der Haushalte mit hochwertigen technischen Gebrauchsgütern. Vor dem Hintergrund des so erreichten hohen Ausstattungsniveaus sieht sich die Konsumgüterwirtschaft heute mit Sättigungstendenzen der Nachfrage konfrontiert. Bis in die 80er-Jahre in großem Umfang von der Industrie verfolgte absatzorientierten Bemühungen, dieser Entwicklung mit dem Angebot immer kurzlebigerer Produkte entgegenzutreten, womit bewusst auch eine unter ökologischen Gesichtspunkten bedenkliche »Wegwerfmentalität« propagiert wurde (z. B. Werbebotschaften des raschen Modellwechsels; künstliche »Veraltung« zahlreicher Produkte durch Ausweitung modischer Effekte auf immer mehr Güterkategorien), werden heute zunehmend durch Strategien abgelöst, mit den Produkten verbundene umfassende kundenbezogene Leistungen anzubieten (Service, Produkt- und Unternehmensinformationen, [kulturelle] Veranstaltungen in Warenhäusern und Einkaufszentren, persönliche Grußpost u. a.) und den Konsumenten die Identifikation mit den Produkten zu ermöglichen, indem in ihnen auch primär nichtökonomische (Unternehmens-)Ziele wie z. B. soziales Engagement und Umweltbewusstsein »verkauft« werden. In dieses Konzept sind auch die Bestrebungen der Hersteller und des Handels einzuordnen, Produkteinführungen im Rahmen kultureller Veranstaltungen durchzuführen und über die Gestaltung kundengruppenspezifischer »Erlebniswelten« (z. B. für junge Familien oder für Kinder) den Einkauf zu einem »Erlebnis« eigenen Wertes werden zu lassen. Neben diesem nach wie vor »klassischen« Kauf von Produkten verschieben sich die konsumptiven Aktivitäten in den Konsumgesellschaften zunehmend auch auf andere Felder: z. B. Fernreisen, Bildungsstreben, Kunstaneignung und eine Partizipation an kollektiven Gütern (z. B. Wohnlage, Naturnähe oder kulturelle Infrastruktur). In neuerer Zeit werden Erfordernisse des Umweltschutzes vom Verbraucher stärker berücksichtigt (umweltverträgliche, abbaubare Produkte). Diese höherrangigen Zuwendungsbereiche werden privat in dem Maße gefordert und teilweise öffentlich gefördert, wie materiell dringlichere Probleme gelöst oder vielleicht wirtschaftlich und politisch »unergiebiger« erscheinen.
 
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie v. a. auch in den folgenden Artikeln:
 
Bedürfnis · Einkommen · Einzelhandel · Haushalt · Lebensqualität · Manipulation · Marketing · Nachfrage · Verbraucherpolitik · Werbung · Wohlstand
 
 
G. Katona: Der Massenkonsum (a. d. Engl., 1965);
 G. Wiswede: Soziologie des Verbraucherverhaltens (1972);
 M. Streissler: Theorie des Haushalts (1974);
 H. Luckenbach: Theorie des Haushalts (1975);
 G. Kleinhenz: Zur polit. Ökonomie des K. (1978);
 
Neuere Entwicklungen in der Theorie des K.-Verhaltens, hg. v. G. Bombach u. a. (1978);
 
Marketing u. Verbraucherpolitik, hg. v. U. Hansen u. a. (1982);
 T. Kutsch u. G. Wiswede: Wirtschaftssoziologie (1986);
 K.-H. Hillmann: Allgemeine Wirtschaftssoziologie (1988);
 L. von Rosenstiel u. P. Neumann: Einf. in die Markt- u. Werbepsychologie (21991);
 
Wertewandel u. K., hg. v. R. Szallies u. G. Wiswede (21991);
 
K., hg. v. K. E. Becker (1992);
 M. Feemers: Der demonstrativ aufwendige K. Eine theoretisch-empir. Unters. (1992);
 U. Beier: Der fehlgeleitete K. Eine ökolog. Kritik am Verbraucherverhalten (1993);
 
Marketing u. K.-Erziehung, hg. v. V. Preuss u. H. Steffens (1993);
 U. Knobloch: Theorie u. Ethik des K. Reflexion auf die normativen Grundlagen sozialökonom. K.-Theorien (Bern 1994);
 M. Wildt: Am Beginn der »K.-Gesellschaft«. Mangelerfahrung, Lebenshaltung, Wohlstandshoffnung in Westdeutschland in den fünfziger Jahren (21995);
 M. Wildt: Vom kleinen Wohlstand. Eine K.-Geschichte der fünfziger Jahre (Neuausg. 1996);
 A. Bänsch: Käuferverhalten (71996);
 
Europ. Kosumgeschichte, hg. v. H. Siegrist (1997);
 W. Kroeber-Riel u. P. Weinberg: Konsumentenverhalten (71999);
 P. Weinberg: Strategie u. Technik der Werbung. Verhaltenswiss. Ansätze (52000);
 
K. Soziolog., ökonom. u. psycholog. Perspektiven, hg. v. N. F. Schneider (2000);
 W. König: Geschichte der Konsumgesellschaft (2000);
 D. Briesen: Warenhaus, Massenkonsum und Sozialmoral; zur Gesch. der Konsumkritik im 20. Jh. (2001).
 

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1Kon|sum, der; -s [ital. consumo = Verbrauch, zu: consumere < lat. consumere, ↑konsumieren]: 1. (bildungsspr.) Verbrauch (bes. von Nahrungs-, Genussmitteln); Verzehr, Genuss: der übermäßige K. von Alkohol; unser K. an Bier war beachtlich; der K. an Zigaretten steigt; Ü Die Bilder schildern die Aufführung und Herstellung mechanisch erzeugter Musik für den alltäglichen K. der Großstadtbevölkerung (tip 12, 1984, 15). 2. (Wirtsch.) Konsumtion (1).
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2Kon|sum ['kɔnzu:m, ...zʊm, auch: kɔn'zu:m], der; -s, -s [urspr. kurz für ↑Konsumverein, Konsumgenossenschaft] (Bundesrepublik Deutschland veraltet): 1. <o. Pl.> Konsumverein: Ab heute gehört der K. in seiner alten Form der Vergangenheit an (MM 29. 1. 69, 12). 2. Laden einer Konsumgenossenschaft, eines Konsumvereins: Sie hatten ... zwei Kästen Bier im K. geholt (H. Gerlach, Demission 68).

Universal-Lexikon. 2012.

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